Eine Primarschule in einer grossen Gemeinde im Kanton Thurgau. In der Schule sind Schweizer in der Minderheit denn hier wie anderswo sind ca. 70% der Kinder Ausländer, vornehmlich aus der Türkei, Ex-Jugoslawien sowie aus Afrika. Vor den Sommerferien findet ein Projekttag statt. Jedes an der Schule vertretene Land präsentiert sich mit einem Marktstand. Die Stände der Länder Türkei, Albanien, Kroatien, Marokko etc. sind an prominenter Lage im Schulhaus untergebracht. Der Schweizer Stand aber ist ausserhalb des Gebäudes, leicht versteckt, damit niemand provoziert wird. Unter den Schweizer Eltern regt sich leiser Unmut über diese Diskriminierung. Bei seiner Ansprache setzt der Schulpräsident aber noch einen drauf: „Es ist wichtig, dass wir Schweizer uns anpassen. Denn wir müssen weltoffen sein und uns, den Verhältnissen anpassen.“ In diesem Stil geht es weiter bei der anschliessenden Präsentation: Die Ausländer dürfen stundenlang ihre Tänze darbieten, für das Alphorn sind gerade mal 10 Minuten reserviert…
Damit nicht genug. Zwei Tage später verkündet ein Primarschüler dieser Schule, Roger Meier*, seiner erstaunten Mutter: „Wir müssen Türkisch lernen!“. Und zeigt ein Arbeitsblatt mit türkischen Wörtern, welche auswendig zu lernen sind. Mutter Meier ist verwundert und erkundigt sich beim Lehrer, weshalb die Kinder Türkisch lernen müssten. Die Antwort des Lehrers: „Ja wollen Sie denn, dass es ihrem Kind schlecht geht? Wenn die Schweizer Kinder nicht Türkisch sprechen können werden sie von ihren Mitschülern geplagt. Es ist wichtig, dass sich die Schweizer Kinder anpassen können!“
Und so beugt sich der kleine Roger über sein Arbeitsblatt und lernt die Grundbegriffe des Türkischen, damit er sich besser integrieren kann. Schöne neue Schweiz!
Hermann Lei, Frauenfeld
*Name der Redaktion bekannt
Nachtrag 1 (9.9.11):
Heute hat sich bei mir der verantwortliche Schulleiter gemeldet – lustigerweise mein ehemaliger Primarleher – und sich beschwert. Alles an dem Artikel sei falsch: ca. 70 % Ausländer stimme nicht (kann sein, die richtige Prozentzahl hat er mir aber nicht gesagt). Der Stand der Schweiz habe einen normalen Platz gehabt, die anderen Stände seien nicht im Schulhaus drin gewesen (letzteres stimmt wohl, ersteres ist Interpretationssache), er habe nicht verlangt, dass die Schweizer sich anpassen müssten (seine Version seiner Rede bestätigte aber das, was die betroffenen Eltern mir sagten, das Problem ist, dass wir unterschiedliche Ansichten darüber haben, was “sich anpassen” bedeutet) und, das Wichtigste: niemand habe in der Schule Türkisch lernen müssen (Fakt ist, dass die Schüler ein Blatt mit türkischen Grundbegriffen nach Hause nehmen mussten, und diese lernen mussten, also ist die Hauptaussage “Schweizer Kinder müssen türkisch lernen” genau richtig). Um dem Schulleiter nicht Unrecht zu tun muss ich sagen, dass ich glaube, dass er einfach einen Anlass organisiert hat, der das Zusammenleben fördern sollte. Nichts mehr und nichts weniger. Der Eindruck, der bei einigen Eltern erntstanden ist (andern hat es offenbar gefallen), und den ich im Artikel wiedergegeben habe, ist aber richtig. Und er kann nichts dafür, wenn einer seiner Lehrer einer betroffenen Mutter eine befremdliche Antwort gibt („Ja wollen Sie denn, dass es ihrem Kind schlecht geht? Wenn die Schweizer Kinder nicht Türkisch sprechen können werden sie von ihren Mitschülern geplagt.” etc., der Schulleiter ist indes der Ansicht, keine seiner Lehrpersonen würde so etwas sagen – ich bin mir da gar nicht so sicher).
Ich freue mich auf weitere Diskussionen!
Gruss
H. Lei
Nachtrag 2 (14.9.11):
Die Aussage im von der TZ publizierten Artikel „Keiner musste Türkisch lernen“ ist nachweislich falsch, was man schon bei genauer Lektüre des Artikels erkennen kann. Nun: Ist es sinnvoll, dass Schweizer Kinder in der Schule Türkisch lernen müssen? Ich finde es ist besser, wenn Schweizer Kinder Deutsch lernen, statt Türkisch. Und mit mir findet das wohl eine grosse schweigende Mehrheit der Schweizer Eltern. Nur so ist es zu erklären, dass der verantwortliche Schulleiter Alder nun plötzlich behauptet, niemand habe türkisch lernen müssen. Mir gegenüber hat dieser Schulleiter noch zugegeben, dass die Kinder türkische Begriffe lernen mussten. Also mussten Schweizer Kinder Türkisch lernen. Dass dies nun abgestritten und mir wider besseres Wissen eine Falschaussage unterstellt wird macht die Sache nicht besser.
Nachtrag 3:
https://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/ImmigrantenVerein-fordert-Abschaffung-des-Schweizer-Kreuzes/story/17253435

